Wie die Vereinten Nationen Frauen durch Technologietransfer stärken

von Ludger Kersting

Vanessa Völkel und Jessica Neumann vom UNIDO-ITPO-Büro Bonn über die Förderung von Frauen in Entwicklungsländern.

Die Berufs- und Karrierechancen von Frauen sehen nicht gerade rosig aus: Im globalen Durchschnitt sind nur 27,1 Prozent aller Manager und Führungskräfte Frauen – ein Prozentsatz, der sich in den vergangenen 30 Jahren kaum verändert hat. Mehr als 1,3 Milliarden Frauen verfügen nicht einmal über ein eigenes Bankkonto. Dabei könnten Frauen mit einem Konto einen Kredit aufnehmen und sich selbstständig machen, was extreme Armut in Haushalten nachweislich verringert.

Mit Blick auf solch ernüchternde Zahlen schaut Vanessa Völkel vom deutschen UNIDO-Büro für Investitionsförderung und Technologietransfer (UNIDO ITPO Germany) zurecht ein wenig stolz auf den Wasserkiosk der Boreal Light GmbH im kenianischen Burani – ein Projekt, das unter Vermittlung des Bonner Büros zustande kam. Seit einem Jahr produziert eine dort installierte Maschine täglich bis zu 20.000 Liter Wasser – ein Rohstoff, der auf dem Kontinent besonders rar ist. Doch es ist nicht nur das sprudelnde blaue Gold, über das sich die Volkswirtin freut: Schließlich konnten 13 der 18 entstandenen Arbeitsplätze mit Frauen besetzt werden.

Seit 2017 vernetzt das Team in Bonn schwer-punktmäßig klein- und mittelständische Firmen und Start-ups aus Deutschland und Europa mit potenziellen Geschäftspartnern in Entwicklungs- und Schwellenländern. Dabei hat sich das ITPO-Büro zum Ziel gesetzt, dass mindestens 40 Prozent Frauen von der Projektarbeit profitieren sollen. Diese Quote soll möglichst schon bei der Zusammenstellung einer Unternehmerreise Anwendung finden. Völkel: „Smartere Entscheidungen werden getroffen, wenn Frauen und Männer am Tisch zusammenkommen und so einen größeren Horizont schaffen“. Zudem stärkten diverse Teams die Innovationskraft – ein wichtiger Erfolgsfaktor für Unternehmen, die im Ausland Geschäfte machen wollen. Die eigene berufliche Entwicklung der UNIDO-Frauen, beide in den Dreißigern, ist dank hoher Einsatzbereitschaft und guter Ausbildung von Erfolg gekrönt. Vanessa Völkel war zuvor als Projektmanagerin öfter international im Einsatz und beriet knapp drei Jahre lang die georgische Regierung in wirtschaftspolitischen Fragen. Seit 2018 hat sie das Bonner ITPO-Büro mit aufgebaut, für das sie gerade zur stellvertretenden Leiterin befördert wurde.

Jessica Neumann legte eine klassische UN-Karriere hin, beendet bald ihr Junior Professional Officer-Programm (JPO). Mit diesem vom Auswärtigen Amt geförderten Programm können deutsche Nachwuchskräfte ihre Wettbewerbschancen für einen Job in internationalen Organisationen deutlich erhöhen. Im Falle von Neumann hat dies funktioniert: Sie wird künftig als Expertin im ITPO-Büro Unternehmen bei ihren Geschäftsaktivitäten in Entwicklungsländern unterstützen. Von ihrem Erfolg möchten die beiden gerne anderen Frauen etwas weitergeben. So wollen sie den Fokus noch stärker auf von Frauen geführten Unternehmen und Projekten setzen. Beide sind gerade maßgeblich an der Entwicklung eines Online-Trainings zum Thema „Gender Lens Investing“ beteiligt. Dabei geht es im Kern darum, dass Investitionsentscheidungen nicht nur auf klassischen Bonitätskriterien und Cash-Flow-Analysen fußen. Eine gewichtige Rolle sollen künftig auch Daten etwa über geschlechtergerechte Besetzungen von Positionen im Management einer Firma spielen.

Ein Plastik-Recycling-Work­shop auf den Galapagos Inseln

Solche Voraussetzungen tragen dazu bei, Renditen zu erzielen und gleichzeitig das Leben von Frauen und Mädchen zu verbessern. Neumann nennt ein Beispiel von Geschlechterdiskriminierung beim Zugang zu Kapital. Erfahrungsgemäß werde bei der Vorstellung neuer Geschäftsideen bei Start-up-Gründerinnen häufiger als bei Gründern das Risiko hinterfragt, zu scheitern. Neumann, die in Wien internationale Entwicklung studiert hat, betont, dass mangelndes Mitspracherecht Konsequenzen für die Anwendbarkeit der verschiedenen Nutzergruppen einer Technologie haben kann: „Die beste Sprachassistenten-Software dient keiner Frau, wenn die Künstliche Intelligenz (KI) Frauen nicht versteht, weil sie aus einer spezifisch männlichen Perspektive programmiert wurde und die riesigen Datensätze, mit denen eine KI trainiert wird, bereits Vorurteile enthalten.“ Sie setzt sich deshalb dafür ein, bei der Auswahl von förderwürdigen Technologieprojekten die besonderen Bedürfnisse von Frauen zu berücksichtigen. Völkel verweist weiter auf die Vision der UNIDO, die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in der Industrie zu beseitigen, das volle Potenzial von Frauen als Führungspersönlichkeiten und Unternehmerinnen auszuschöpfen und Geschlechter-Stereotypen abzubauen. 

Als sie an erfolgreiche Firmengründerinnen aus dem Tech-Bereich denkt, fällt ihr auf Anhieb die österreichische Gründerin Raphaela Egger ein. Sie hatte sich in diesem Sommer mit ihrem Start-up Plasticpreneur an einem globalen Wettbewerb der UNIDO beteiligt, bei dem innovative Ideen und Technologien zur Bekämpfung von COVID-19 eingereicht werden konnten. Egger und ihr Team gewannen eine der fünf Auszeichnungen mit der Geschäftsidee, in Uganda aus Plastikmüll die in der deutschen Gastronomie und im Einzelhandel begehrten Gesichtsvisiere herzustellen. 

Eingereicht worden waren 1100 Ideen aus 108 Staaten. Prof. Dr. Rolf Steltemeier, Leiter des UNIDO-ITPO Büros und Jury-Mitglied beim UNIDO-Ideen-Wettbewerb, äußert sich zufrieden, dass das Unternehmen aus Wiener Neustadt mit Mitgründerin Egger so gut abgeschnitten hat. „Ebenso erfreulich ist, dass mit dieser Idee eines kleinen Teams, geboren aus einer Krisensituation, vor Ort 100 neue Jobs entstanden.“ Ob die Herstellung von Covid-19-Schutzvisieren in Uganda oder die Produktion von Trink- und Brauchwasser in Kenia – all diese Projekte ermuntern Jessica Neumann und Vanessa Völkel sich weiterhin für die Förderung von Frauen in Entwicklungsländern zu engagieren.

Vanessa Völkel

Deputy Head

 

Jessica Neumann

Investment and Technology Promotion Expert